125 Jahre
Männergesangverein Oberschlettenbach

Singen im Chor ist eine alte Tradition in Oberschlettenbach. Ein Gruppenfoto aus dem Jahr 1881 mit 16 jungen Männern, die ein Notenblatt vor sich halten, flankiert von Lehrer Jakob-Heinrich Germann, und eine Beitragshebeliste aus dem gleichen Jahr sind die ältesten Zeugen des Chorgesangs und dokumentieren, dass bereits im Jahr 1881 ein Männerchor existiert hat.

Diese geschichtsträchtigen Dokumente wurden kurz vor der 85-Jahrfeier im Jahr 1978 gefunden. Bis dato ging man vom Jahr 1893 als Gründungsjahr aus. Es ist anzunehmen, dass sich die lose Verbindung von Sängern im Jahr 1893 eine Vereinssatzung gab und somit ab diesem Zeitpunkt geordnete Verhältnisse geherrscht haben. Nicht auszuschließen ist, dass der Vereinsgründung im Jahr 1893 die Auflösung eines bestehenden Vereins nach einem größeren Streit vorausgegangen ist.

Das Protokollbuch, welches das Vereinsgeschehen von 1901 bis 1953 dokumentiert, liegt im Original vor und wird im Archiv der Verbandsgemeinde Bad Bergzabern aufbewahrt. Aus diesem Dokument geht hervor, dass unter der Regie des Lehrers und Dirigenten Albert Netzsch im Jahr 1893 zwanzig Sänger einen Männergesangverein gegründet haben.

Fahne Vorderseite

Am 24. März 1901 hat die Generalversammlung beschlossen, eine Vereinsfahne anzuschaffen und am 9. Juni 1901 wurde bereits das Fest der Fahnenweihe gefeiert. Diese Vereinsfahne wurde hergestellt in der Fahnenstickerei Albrecht Funk in Kaiserslautern und kostete 350 Reichsmark. Sie ist noch immer der Stolz des MGV. Den Minnesänger, der diese Fahne ziert, finden wir auch auf dem von der Deutschen Bundespost im Jahr 1982 herausgegebenen Sonderstempel.

Die feierliche Übergabe der Fahne vollzog sich damals mit den Worten:

"So nehmt sie hin und Friede soll sie künden Des Vereines Zierde sein noch so manches Jahr. Hass und Neid bei ihrem Anblick soll verschwinden, Gott schütze sie und Euch jetzt und immerdar".

Nach den Aufzeichnungen im Protokollbuch war dieses Fest ein herausragendes Ereignis für den jungen Verein und für den gesamten Ort. Im Protokollbuch ist über das Fest der Fahnenweihe folgendes zu lesen: "Am 9. Juni 1901 hielt der Männergesangverein Oberschlettenbach das Fest seiner Fahnenweihe ab, begünstigt von herrlichem Wetter hatte es sich eines sehr zahlreichen Besuches zu erfreuen.
Erschienen waren folgende Vereine:
Der Liederkranz Kapellen mit 25 Personen,
der Frohsinn Annweiler mit 80 Personen,
der Schützenverein Spirkelbach mit 30 Personen,
der Arbeiterbildungsverein Schwanheim mit 50 Personen,
der Kriegerverein Vorderweidenthal mit 50 Personen,
der Arbeiterverein Vorderweidenthal mit 22 Personen.

Und mit den übrigen erschienenen Festgästen sind es dann 1000 Personen gewesen. Sämtliche Vereine wurden mit der Musik abgeholt.
Die Musik stellte das 5. Feldartillerieregiment Landau. Zugegen waren 7 Mann. Nachdem die Vereine da waren, hatte der eigentliche Festakt folgendermaßen seinen Anfang genommen. Die Begrüßungsrede hielt Herr Max Baer mit folgenden Worten:

Hochgeehrte Festversammelten

Hochbeglückt und mit freundlichem Herzen betrete ich die Tribüne, indem mir von Seiten des Männergesangvereins die hohe Ehre zuteil wurde, Euch alle hier Anwesenden begrüßen zu dürfen und rufe Euch in dessen Namen ein herzliches Willkommen zu. Seid uns willkommen von ganzem Herzen und mit deutschem Handschlag. Liebe Brüder, beste Freunde, was wir haben, es gehört Euer auf die Dauer des heutigen Tages, überhaupt gehört Euch unsere ganze Sympathie. Ihr habt den weiten Weg nicht gescheut und seid in stattlicher Anzahl erschienen zur Verherrlichung unseres Festes, aber der Jubel, welcher Euch bei Eurem Einzug in unser Dörfchen umrauschte, muss Euch gesagt haben: "Hier sind wir wie Zuhause". Ja Ihr seid es und wir wünschen, dass Ihr es Euch bei uns so bequem macht wie nur möglich und es Euch wohlgefallen lässt. Sollte einmal der Ruf an uns ergehen, wie von unserer Seite an Euch ergangen, so werden wir auch kommen.
So werden wir auch keinen Weg scheuen und uns zu revanchieren versuchen.
Willkommen und nochmals ein herzliches Willkommen.
Hierauf spielte die Musik."

In der Ortsmitte war die Festbühne aufgebaut und der gesellige Teil fand auf dem Festplatz unter dem Galgenfelsen statt. Es ist anzunehmen, dass damit der Wegestern am Löffelsberg gemeint ist.

Fahne Rückseite

In seiner Festrede sagte Albert Netzsch damals: 
"Als im Herbst des Jahres 1893 sich ungefähr 20 sangesfreudige ältere und jüngere Männer zur Gründung eines Gesangvereins zusammentaten, dessen gesangestechnische Leitung mir übertragen wurde, da trug in Anbetracht der kleinen Verhältnisse hier wohl niemand den kühnen Gedanken, dass die erfreuliche Erstarkung des Vereins schon in wenigen Jahren die Anschaffung einer Fahne ermögliche."

Und sicher hätte damals niemand daran zu denken gewagt, dass dieser Verein 125 Jahre überleben würde.

Nach den vorerweitert und das 85-jährige Bestehen des Vereins gefeiert. Zahlreiche Vereine, Sänger, Ehren- und Festgäste waren während der Festtage am 1. und 2. Juli 1978 anwesend und gaben dem Fest einen würdigen Rahmen. Wie eingangs schon erwähnt, ging man bis dato davon aus, dass der Verein im Jahr 1893 gegründet wurde. Der Vereinschronist Richard Kalkofen hat aus diesem Anlass eine interessante und informative Festschrift erstellt und hat mit viel Mühe und großer Hingabe in alten Unterlagen und Dokumenten gestöbert und nach historischen Zeugnissen der Vergangenheit gesucht. Sein Appell an die Bürger, im eigenen Haus nach alten Unterlagen über die Vereinsgeschichte zu suchen, blieb nicht unerhört und vor allem nicht erfolglos. Reinhard Stoffel ist in seinen alten Tagen auf den Speicher gestiegen und unters Dach gekrochen und hat dabei eine Hebeliste über Mitgliederbeiträge eines Oberschlettenbacher Gesangvereins aus dem Jahr 1881 zutage gebracht. Im Besitz des betagten Ehrendirigenten Karl Veiock befand sich, wie schon erwähnt, ein altes Gruppenfoto aus dem Jahr 1881. Die jungen Männer auf dem Gruppenbild wurden von dem bereits betagten Karl Veiock noch erkannt und benannt.

Als 1978 das 85-jährige Bestehen gefeiert wurde, war schon bekannt, dass bereits drei Jahre später, infolge einer wundersamen Alterung, der Männergesangverein sein 100-jähriges Vereinsjubiläum feiern kann.

Die Zelterplakette

Kaum waren die letzten Festgäste heimgekehrt, begannen auch schon die ersten Vorbereitungen für den Bau der Lindelbrunnhalle. Diese wurde von vielen freiwilligen Helfern in unzähligen aufopferungsvollen Stunden in den Jahren 79 - 82 errichtet und konnte anlässlich der 100-Jahrfeier vom 21. - 23. Mai 1982 ihrer Bestimmung übergeben werden. Trotz der vielen fleißigen Hände gelang es uns jedoch nicht, die Lindelbrunnhalle fristgerecht fertig zu stellen und somit haben wir unsere 100-Jahrfeier auf das Jahr 1982 verschoben. Die Verleihung der Zelterplakette am 24. Mai 1981 durch die Ministerin für Unterricht und Kultur, Frau Dr. Hanna-Renate Laurien, in der Rheingoldhalle in Koblenz und das Vereinsjubiläum wurden damals als Höhepunkt in der Vereinsgeschichte betrachtet. Auch aus diesem Anlass erstellte Richard Kalkofen erneut eine Festschrift, die damals wie heute viel Beachtung fand und findet.

Viele weithin bekannte Persönlichkeiten, allen voran Kurt Böckmann, der damalige Innenminister des Landes Rheinland-Pfalz, erwiesen dem MGV die Ehre ihres Besuchs und so wurden diese Festtage für die Mitwirkenden zu einem unvergesslichen Erlebnis. Die Zahl der Helfer war groß und wer nicht helfen konnte, spendete einen oder mehrere Kuchen. Das Zusammengehörigkeitsgefühl war überwältigend und alle konnten danach sagen: "Wir haben es geschafft". Dieses denkwürdige Ereignis wurde dokumentiert in einer Mitgliedergabe zur Hundertjahrfeier, in welcher viele Redebeiträge und Nennenswertes niedergeschrieben sind.

Seit der Einweihung der Lindelbrunnhalle ist der MGV der Pächter und Bewirtschafter und hat viele Mark und Euro in Ausstattung und in Möbel investiert. Viele Sänger haben ihre Freizeit geopfert, um die Lindelbrunnhalle zu unterhalten und immer wieder zu renovieren. Dass vieles schnell und unbürokratisch möglich war, ist nicht zuletzt einer engen und vertrauensvollen Zusammenarbeit der bisherigen Vorstände und Vorstandsmitglieder mit den jeweiligen Bürgermeistern und Gemeinderäten zu verdanken. Ihrer Einsicht und Weitsicht und ihrem Engagement verdanken wir heute 125 Jahre Chorgesang in Oberschlettenbach und die Lindelbrunnhalle ist die Heimstatt des MGV und aller örtlichen Vereine.

Wappenschild des Landes Rheinland-Pfalz

Als weiteres herausragendes Ereignis muss noch das 110-jährige Jubiläum bezeichnet werden. Im Rahmen eines musikalischen Jahres wurde dieses Vereinsjubiläum gefeiert und seitens der Landesregierung mit dem Wappenschild des Landes Rheinland-Pfalz gewürdigt. Mit Unterstützung des Musikvereins Göcklingen und unter großer Kraftanstrengung fand in der Lindelbrunnhalle ein Benefizkonzert zu Gunsten der Schwanheimer Schwestern Isabella und Damiana vom Orden der Dominikanerinnen statt, und wir konnten damals mit einem stattlichen Geldbetrag die Arbeit für die Ärmsten und Kranken in Brasilien unterstützen.

Die kommende Zeit war nicht immer eine glückselige für den MGV. Wie in fast allen Gesangvereinen schrumpfte auch bei uns stetig die Zahl der Sänger und oft wagte niemand mehr daran zu glauben, dass wir auch noch unser 125-jähriges Bestehen feiern dürfen. Und dass wir nun dieses Jubiläum miterleben dürfen, ist das Verdienst der Sänger, die jahrein und jahraus wöchentlich zur Chorprobe erscheinen und den Verein tragen und am Leben erhalten.

Trotz unserer geringen Sängerzahl haben wir stets versucht, allen Einladungen zu folgen und wir haben oft mit dazu beigetragen, die Herzen der Zuhörer zu erfreuen. Bei den örtlichen Festlichkeiten und Veranstaltungen hat der MGV immer eine tragende Rolle gespielt und hat viele Festveranstaltungen musikalisch umrahmt und ausgeschmückt.
Dass wir auch schon oft bei kirchlichen Anlässen beider Konfessionen mitgewirkt haben, erfüllt uns mit besonderer Freude. Die Geburtstage unserer Sänger und Altersjubilare waren immer ein besonderer Anlass für einen Vereinsauftritt und so sind auch manche Nachfeiern noch heute in guter Erinnerung. Leider mussten wir auch viele unserer Sängerkameraden und Vereinsmitglieder zu ihrer letzten Ruhestätte begleiten und davon einige viel zu früh. Die Mitgestaltung der alljährlichen Gedenkstunde am Volkstrauertag ist eine Selbstverständlichkeit ebenso wie die für alle Oberschlettenbacher offene Weihnachtsfeier, welche den Abschluss des Sängerjahres bildet.
Nach den Chorproben gehen die Lichter immer früher aus und dies ist leider auch ein Indiz dafür, dass wir insgesamt älter werden und durch den fehlenden Nachwuchs erhöht sich das Durchschnittsalter der Sänger von Jahr zu Jahr.

Das Bestreben aller Sänger gilt in erster Linie dem Erhalt und Fortbestand des Männergesangvereins. Aufgrund der stetig sinkenden Sängerzahl sehen auch wir uns gezwungen, über andere Varianten nachzudenken, damit in Oberschlettenbach weiterhin gesungen werden kann.

Am 16. Mai 2004 wurde der Dorfplatz in der August-Becker-Straße nach dem Gründer des MGV "Jakob Heinrich Germann" benannt, womit auch dem Männergesangverein Oberschlettenbach ein bleibendes Denkmal gesetzt wurde.

Jakob Heinrich Germann Platz

Gesang und Freundschaft
        im schönen Verein
        erhalten dem Leben
        den Jugendschein.


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